Gesundheitversorgung

Die EU-Aufnahmerichtlinie [1] besagt zwar, dass z.B. besonders schutzbedürftige Asylsuchende als solche identifiziert, ihre besonderen Bedarfe berücksichtigt und notwendige Unterstützung und Versorgung eingeleitet werden müssen.

Doch die materielle und gesundheitliche Situation der Flüchtlingsfamilien ist geprägt von gesetzlichen Rahmenbedingungen und eingeschränkten Zuwendungen nach dem sog. „Asylbewerberleistungsgesetz“. Leistungen zur medizinischen Versorgung werden nach § 4 AsylbLG nur bei „akuter“ Krankheit bzw. akutem Behandlungsbedarf und bei „schmerzhafter Krankheit“ erbracht.
Leistungen für sonstige Behandlungen – insbesondere bei chronischen Erkrankungen und Behinderungen – „können“ nach § 6 AsylbLG als Ermessensleistungen gewährt werden, soweit dies „zur Sicherung der Gesundheit unerlässlich“ ist. Erst nach einer Wartefrist von 15 Monaten erhalten Leistungsberechtigte nach § 2 AsylbLG gemäß § 264 Abs. 2 SGB V eine vollwertige Gesundheitskarte, mit der sie die gleichen medizinischen Leistungen wie gesetzlich Krankenversicherte beanspruchen können (April 2019).
In Bremen wird seit 2008 mit einem speziellen Angebot zur Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge versucht, den Zugang zu medizinischer Versorgung zu verbessern.

„Bei der Versorgung körperlicher Erkrankungen hat sich das vergleichsweise kostengünstige Bremer Gesundheitsprogramm für Asylsuchende gut bewährt. Bei psychischen Erkrankungen zeigen sich deutliche Lücken, die jedoch keineswegs spezifisch für Bremen sind, sondern generelle Lücken im gesundheitlichen Versorgungssystem für Asylsuchende und Flüchtlinge.“ Auszug aus dem Bericht des Gesundheitsamt zum Bremer Modell

 

Der Bedarf ist nach wie vor groß

Im Jahr 2018 zeigt eine Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), dass mehr als drei Viertel aller Geflüchteten (in Deutschland) aus den Herkunftsländern Syrien, Irak und Afghanistan unterschiedliche Formen von Gewalt erlebt haben und dadurch oft mehrfach traumatisiert sind. In der Befragung gaben 74,7 Prozent der Schutzsuchenden an, Gewalt in unterschiedlichen Formen persönlich erlebt zu haben. 60 Prozent der Befragten, die Angaben zu traumatischen Ereignissen gemacht haben, nannten Kriegserlebnisse, 40 Prozent Angriffe durch Militär oder Bewaffnete. Nur weniger als ein Viertel (22,5 Prozent) der Befragten hat keine dieser traumatischen Erfahrungen selbst erlebt.
Eine Studie, durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge  in Auftrag gegeben, zeigt dass mindestens 40% der Asylsuchenden in Deutschland an einer traumabedingten psychischen Erkrankung leiden. Bei Kindern und Jugendlichen ist jede/r Zweite betroffen.
Da Vermeidung – und damit auch ein Nicht-Erwähnen von traumatischen Erfahrungen – ein Kernsymptom traumatischer Erkrankungen ist, ist davon auszugehen, dass die Rate der Betroffenen eher noch höher liegt.

Mit einem umfassenden, kostenlosen Angebot verfolgt REFUGIO die Verbesserung der psychosozialen und gesundheitlichen Situation ausländischer Flüchtlinge. Dabei werden die Ebenen Gesundheitsfürsorge und Rehabilitation sowie Prävention und Fortbildung berücksichtigt. Bei diesen Aufgaben orientiert sich REFUGIO an den Bedürfnissen und Ressourcen der Flüchtlinge und Folterüberlebenden, insbesondere die Hilfe zur Selbsthilfe soll gestärkt werden. Das Erarbeiten eines inneren Gleichgewichts steht im Mittelpunkt der Therapie und Beratung.
Jährlich werden bei REFUGIO zur Zeit etwa 450 Flüchtlinge und Folteropfer aus über 30 Ländern behandelt. Viele von ihnen sind durch Kriegserlebnisse, Folter und Flucht stark traumatisiert. Wir versuchen unsere Kapazitäten dementsprechend auszubauen bzw. aufrecht zu erhalten. 2015 konnten wir 330 Personen versorgen, im Jahr 2017 waren es 489 Personen und 2018 waren es 461.

Der Dachverband der psychosozialen Zentren BAfF, dem auch REFUGIO Bremen angehört, führt jährlich eine Evaluation durch, die Handlungsbedarfe in der spezifischen therapeutischen Versorgungssituation für Flüchtlinge benennt: Ende 2018 sind in der BAfF 37 psychosoziale Behandlungszentren, Initiativen und Einrichtungen für die medizinische, psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung und Rehabilitation von Opfern von Folter und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen vernetzt. Die Versorgungsberichte finden Sie hier: www.baff-zentren.org

Die Internetseite gesundheit-gefluechtete.info der Medinetze und Medibüros stellt ferner systematisch Informationen rund um die Organisation der Gesundheitsversorgung Geflüchteter dar. Informiert wird über den Implementierungsstand in den einzelnen Bundesländern zur Gesundheitskarte, mögliche Vor- und Nachteile des Gesundheitskarte und des Krankenscheins. Die rechtlichen Grundlagen sowohl des Bundes als auch der EU werden detailliert erläutert. Zudem werden die neuesten politischen Entwicklungen bezüglich veränderter Regelungen zur Gesundheitsversorgung als Blogbeiträge gelistet.

Oft ist beim Zugang zur Gesundheitsversorgung auch die Sprache ein Hindernis

Um geflüchteten Menschen, Erwachsenen wie Kindern und Jugendlichen, aus und in Bremen und Bremerhaven eine bessere ambulante Versorgung in Psychiatrie und Psychotherapie zu ermöglichen, gibt es seit Herbst 2019 das Modellprojekt Sprachmittlungspool, finanziert von der Senatorin für Gesundheit. Das Modellprojekt richtet sich an Psychiater*innen, Kinder- und Jugendlichenpsychiater*innen, ärztliche und psychologische Psychotherapeut*innen bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen für einen qualitätsgesicherten Zugang zu qualifizierten Sprachmittelnden und deren Finanzierung. Wesentliche Bestandteile des Projekts sind außerdem Curriculare Fortbildungen sowie ein regelmäßiges Supervisionsangebot für Sprachmittelnde und Fortbildungensveranstaltungen für Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen. Eine Vermittlung erfolgt über eine Antragstellung. Die Patient*innen müssen aus Bremen oder Bremerhaven kommen und der Behandlungsort muss Bremen oder Bremerhaven sein. Alle weiteren Informationen finden Sie hier.

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Herbsttagung der BAfF und Refugio Bremen

Das Persönliche und das Politische – Psychosoziale Gesundheit von Flüchtlingen zwischen Versorgung und Funktionalisierung, 9. – 11. November 2017
Mehr dazu hier.

 

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[1] Vgl.  http://gesundheit-gefluechtete.info/eu-richtlinie-involvierte/

 

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