Weltweit müssen Millionen Menschen vor Krieg und Folter fliehen. Nur ein geringer Teil von ihnen wählt und erreicht das Ziel Europa. Die Suche nach Schutz und Sicherheit beinhaltet aber vielfach auch die Hoffnung auf Gesundheit.

Jeder fünfte Mensch in Krisengebieten ist psychisch krank.

Grund dafür sind Erlebnisse und Erfahrungen von Krieg, Folter und Menschenrechtsverletzungen. Das zeigt die dazu bisher umfassendste Studie (The Lancet, 2019). Grundlage ist eine Auswertung von 129 Einzelstudien aus 39 Ländern, 45 dieser Studien sind nicht älter als sechs Jahre. Die Autor*innen bezogen ferne Berichte von Regierungen und Konfliktdatenbanken, die sogenannte graue Literatur, mit ein.

Diese Meta-Studie thematisiert aber auch die erschreckende gesundheitliche Unterversorgung. In Afghanistan kommt auf 1o Millionen Einwohner*innen 1 Psychiater. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 130 pro 1 Million Einwohner*innen. (Die Zeit, 2019).

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse ist die Einschätzung des Behandlungsbedarfs nach Deutschland geflüchteter Menschen relevant.
Im Jahr 2018 zeigt eine Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), dass mehr als drei Viertel aller Geflüchteten (in Deutschland) aus den Herkunftsländern Syrien, Irak und Afghanistan unterschiedliche Formen von Gewalt erlebt haben und dadurch oft mehrfach traumatisiert sind. In der Befragung gaben 74,7 Prozent der Schutzsuchenden an, Gewalt in unterschiedlichen Formen persönlich erlebt zu haben. 60 Prozent der Befragten, die Angaben zu traumatischen Ereignissen gemacht haben, nannten Kriegserlebnisse, 40 Prozent Angriffe durch Militär oder Bewaffnete. Nur weniger als ein Viertel (22,5 Prozent) der Befragten hat keine dieser traumatischen Erfahrungen selbst erlebt.

Traumatisierte Flüchtlinge: Psychische Probleme bleiben meist unerkannt

Die WIdO-Untersuchung konkretisiert und aktualisiert Daten zur Versorgungssituation von Geflüchteten. Bereits 2009 stellt das Deutsche Ärzteblatt fest: „Traumatisierte Flüchtlinge: Psychische Probleme bleiben meist unerkannt“. Die Fachzeitschrift nimmt Bezug auf eine Studie, die davon ausgeht, dass circa 40 Prozent der Asylbewerber*innen und Flüchtlinge in Deutschland mehrfach traumatisierende Erfahrungen machten und Folter durchlitten haben.
„Nach einer Vergewaltigung weisen mehr als die Hälfte der Opfer Traumafolgestörungen auf; nach der Folter sind es sogar 87 Prozent. Insgesamt geht man davon aus, dass bei fünf bis sieben von zehn Flüchtlingen eine solche Störung vorliegt. Das Suizidrisiko nach einer Vergewaltigung ist über einen langen Zeitraum sehr hoch.“ (Ärzteblatt, 2009).

Die Arbeit Psychosozialer Zentren in Deutschland ist in diesem Zusammenhang von eminenter Bedeutung. Diese mehr als 40 Einrichtungen bundesweit, darunter REFUGIO in Bremen, bieten Geflüchteten kostenlose psychosoziale Beratung und psychotherapeutische Behandlung an – notwendig weil diese staatlicherseits nicht vollumfänglich oder gar nicht gewährleistet wird. Die Gründe dafür liegen in der Sozial- und Asylgesetzgebung, welche zukünftig weitere Hemmnisse für die Gesundheitsversorgung von Geflüchteten vorsieht.

„Statt psychisch kranke Flüchtlinge zu schützen und zu behandeln, werden ihnen mit dem Gesetz noch mehr Hürden in den Weg gelegt“, sagt Dr. Dietrich Munz, Präsident der BPtK (BPtK, 2019).

Die Schlussfolgerung der Lancet-Studie, die einen erheblichen Verbesserungsbedarf der psychischen Gesundheit sieht, ist von großer Bedeutung. Ein anderer Punkt, der aus der Studie hervor geht, ist kritisch zu betrachten: „In Zukunft könnten Daten, wie sie nun veröffentlichten wurden, auch zeigen, wer trotz krassester Erlebnisse nicht psychisch krank wird, wer also besonders resilient ist“ (Die Zeit, 2019).

In diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf die Erfahrung und Expertise von medicao international zum Thema Resilienz bedeutsam:

Für das Leiden der Menschen werden immer weniger die sozialen Verhältnisse verantwortlich gemacht, sondern die Menschen selbst.

„In der Praxis stürzen Resilienzprogramme die betroffenen Menschen oftmals in eine völlig schizophrene Situation: Um Hilfe zu erhalten, müssen sie sich bedürftig und vulnerabel zeigen, gleichzeitig aber auch resilient genug sein, um den Voraussetzungen und Zielvorstellungen von Resilienzprogrammen zu genügen.“ (Usche Merk medico)

Anlässlich des 26. Juni, dem Tag des Gedenkens an Folterüberlebende, möchten wir betonen, dass eine Unterstützung derjenigen, die vor Bürgerkrieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen nach Deutschland geflohen sind, wichtiger ist denn je.