Pressestimmen

Filmbeitrag über REFUGIO
"Wenn der Krieg die Seele krank gemacht hat"

Radio Bremen, "Buten und binnen" vom 11.1. 2010
www.radiobremen.de

 

Weser-Kurier 24.6.06:
zum "Internationalen Tag der Folteropfer" am 26.6.06

Vergessen ist unmöglich. Bei "Refugio" in Therapie:
Flüchtlinge lernen, mit ihren furchtbarsten Erinnerungen zu leben
Von unserer Redakteurin Rose Gerdts-Schiffler

BREMEN. Wer das schlichte Wohnhaus in der Parkstraße betritt, könnte Geschichten erzählen. Unglaubliche, unerhörte. Jahre lang tragen viele Frauen, Männer und auch Kinder sie mit sich herum, bis sie hier wieder vorsichtig zum Leben erweckt werden. Bei "Refugio" finden Opfer von Gewalt und Folter einen Platz für ihren Schrecken und oft auch wieder Hoffnung. Hatice (alle Namen von der Redaktion geändert) hat ihre langen Haare straff nach hinten gebunden. Sie ist ganz in schwarz gekleidet. Wie immer, seit ihr Mann vor vielen Jahren in der Türkei vor ihren Augen erschossen wurde. Widerstrebend beteiligt sie sich an der ersten Dehnübung der Bewegungstherapie, ihren Körper mit sich schleppend, als sei er nichts als eine lästige Hülle. Drei Frauen tun es ihr nach. Mit unbewegter Miene strecken sie erst den linken Fuß vor, dann den rechten. Drei Mal lässt die Psychologin Barbara Steinig die Frauen, die aus dem Libanon oder Südostanatolien stammen, die Übung wiederholen. Amira stöhnt vor Anstrengung leise auf. Die kräftige Frau macht den Eindruck, als hätte sie 20 Minuten Zirkeltraining hinter sich. Tatsächlich sind die einfachen Übungen der "integrativen Bewegungstherapie" bei "Refugio" seelische Schwerstarbeit für die Klientinnen. Amira tut alles weh. Die Beine, die Arme, der Rücken und der eiserne Druck auf der Brust. Hatice dagegen spürt ihre Beine nicht mehr, sieht an sich herunter und fühlt heute mal wieder nichts; nichts als totes Gewebe, das sich dennoch bewegt. Schritt für Schritt holt Barbara Steinig sie aus ihrer inneren und körperlichen Erstarrung. Sie alle haben Dinge erlebt, für die sie kaum Worte finden. Der Körper wird zum Übersetzer und bleibt manchmal Jahre lang im Alarmzustand.

Wie bei Samira, deren hörgeschädigte Tochter in der Grundschule einen Selbstmordversuch unternahm, als Bremer Ärzte ihr erneut wegen des unsicheren Aufenthaltstatus und der notwendigen, monatelangen Nachsorge die helfende Operation verweigern mussten. Da die Ausländerbehörde aber stets nur halbjährige Aufenthaltsverlängerungen an die Familie vergibt, wollte das Kind lieber sterben. Oder wie Amira, die allein mit ihren drei kleinen Kindern aus Deutschland abgeschoben und in einem Dorf in der Türkei von einem Bewohner vergewaltigt worden war. Niemandem durfte sie damals von dieser Schande erzählen. In der mittelalterlichen Struktur dieser Dörfer, in denen eine Frau ohne männlichen Beistand schutz- und ehrlos zugleich ist, hätte ein Hilfeschrei ihr Leben kosten können. Waren doch in den umliegenden Dörfern zwei junge Frauen wegen angeblich sexueller Verfehlungen ein Jahr zuvor vom Mob gesteinigt worden. Selbst eine erlittene Vergewaltigung zählt in Anatolien zu den vielen Dingen, mit denen eine Frau Schande über ihre Familie bringen kann. Also schwieg Amira. So lange, bis ihr schließlich die abenteuerliche Flucht zurück nach Deutschland gelang.

"Wer bei „Refugio“ einen Therapieplatz erhalten will, muss lange Wartezeiten in Kauf nehmen", sagt Ingrid Ingeborg Koop, Gründungsmitglied von Refugio und Psychotherapeutin bedauernd. Dabei sei die seelische Not unter den Flüchtlingen groß. Dennoch haben gerade mal 1,1 Prozent mit ihrem Asylantrag Erfolg. "Noch immer denken viele Menschen, dass die meisten Flüchtlinge des Geldes wegen hierher kommen. Die niedrige Anerkennungsquote wird als Beweis für diese These benutzt", sagt Christoph Veith, Referent für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bei "Refugio". Doch wer "nur" vor Massakern und Bürgerkrieg fliehe, könne keinen Asylgrund vorweisen. Auch Folter allein ist noch kein Asylgrund. Auch wer seine Familie aus Staaten wie Somalia herausholen möchte, in denen nur noch blutrünstige Warlords und kriminelle Banden herrschten, erhalte kein Asyl. Christoph Veith nennt ein drittes Beispiel aus der Praxis. Da der politisch verfolgte Mann einer Kurdin vom türkischen Militär nicht gefasst werden konnte, griffen sich die Uniformierten seine Ehefrau. Die Folterungen haben die mehrfache Mutter gezeichnet. Auch sie erhielt nur eine Duldung, kein Asyl. Die Folter, sind sich die Fachleute einig, diene in der Regel nicht der Erpressung eines Geständnisses, sondern der Zerstörung der Persönlichkeit.

Srebrenica, Ruanda, Tschetschenien, Somalia - Heimat ist für viele von Ingrid Koops Klienten gleichbedeutend mit Schreckensbildern. So wünschen sich denn auch viele Betroffene nichts sehnlicher, als dass die Mitarbeiter von "Refugio" ihre Alb- und Wachträume "wegmachen". "Ein Trauma begleitet einen Menschen für immer", sagt Ingrid Koop. Wir können den Menschen aber helfen, damit leben zu lernen." Und so knüpfen die Psychologen an den positiven Erinnerungen und Fähigkeiten eines Gewaltopfers an. Am Ende der zwei Stunden spürt Hatice "ein Kribbeln" in den Beinen. Ein Erfolg, auf den sie lange warten musste. Für diesen Tag ist wieder Leben in ihren Körper zurück gekehrt. Barbara Steinig nickt ihr ermutigend zu. Dann wendet sie sich an Amira. Wie geht es Ihrem Herz?" "Gut". "Und was fühlen Sie? Spontan schießt es aus Amira heraus: "Spaß."Erschrocken schaut die Frau in die Runde, greift sich verlegen in die langen Haare und zwirbelt sie zu einem Zopf. Als sie wieder hochschaut, huscht für einen Moment ein mädchenhaftes Lächeln über ihr Gesicht.

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Nur ein Bruchteil erhält Hilfe
Gewaltopfer müssen lange warten
Von unserer Redakteurin Rose Gerdts-Schiffler

BREMEN. "Refugio", die Bremer Beratungsstelle für Opfer von Folter und Gewalt, zählt zu einem der rund 20 Zentren bundesweit, die seelischen Schutzraum für traumatisierte Flüchtlinge bieten. "Refugio" ist die einzige große Anlaufstelle für Betroffene in Nordwestdeutschland. Der Andrang ist groß. Bereits für ein Erstgespräch müssen die Betroffenen bis zu drei Monate warten. Eine Therapie ist oft erst nach einem Jahr möglich. Ein Netz aus Dolmetschern, Therapeuten, Psychotherapeuten und Familienberatern, Kunst- und Körpertherapeuten sowie kooperienden Ärzten nimmt sich der traumatisierten Frauen, Kinder und Männer an - diese Flüchtlinge fallen mit ihren besonderen Problemen ansonsten durch die Maschen der öffentlichen Hilfen. Trotz ihres großen Engagements erreichen die Mitarbeiter von Refugio nach eigener Einschätzung nur einen Bruchteil der Folteropfer, die in Bremen und Umgebung leben. Keine Flüchtlingsgeschichte gleiche der anderen. Gemeinsam sei vielen Betroffenen, dass sie gezwungenermaßen ihre Heimat verlassen hätten. Nur wenige der Folteropfer seien seelisch in der Lage, bereits bei der Einreise nach Deutschland einem Beamten in den zentralen Aufnahmestellen von ihrem Trauma erzählen. Zu groß sei für viele Betroffene das Entsetzen, das jede Erinnerung begleite. Während ihrer späteren Asylverfahren wird ihnen das "Verschweigen" oft vorgehalten und die erlittenen Folterungen angezweifelt.

Am 26. Juni, dem internationalen "Tag der Vereinten Nationen zum Schutz der Folteropfer", und am 28. Juni zeigt Refugio um  20 Uhr den Dokumentarfilm "Wieder leben lernen" im Kino 46.

Refugio ist auf Unterstützung und Spenden angewiesen.
Sparkasse Bremen, BlZ:290 501 01,  Konto: 107 12 81

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(aus: „Bremer Unternehmer“, 4 / 04)
Schutzraum für die Seele
Der BJU besuchte die non-profit Organisation Refugio

Unsere Hansestadt ist reich an wohltätigen Institutionen, die im Sinne bürgerlichen Gemeinsinns entstanden. Man denke da nur an die Kunsthalle, den Bürgerpark oder das Focke-Museum.

Entstehungsgeschichte und Arbeit von Refugio
Weniger bekannt wird den meisten Bremern die Arbeit des Beratungs- und Behandlungszentrum Refugio Bremen sein. Was versteckt sich hinter dem Namen von Refugio Bremen? Das konnten wir am 14. Oktober im Rahmen einer Führung durch das Behandlungszentrum erfahren.

Unsere Gastgeber, die Dipl. Psych. Psychotherapeutin Ingrid Koop, Gründungsmitglied und Sprecherin des Behandlungszentrums und der Arzt Prof. Dr. Zenker, Gründungsmitglied und Vorstandsmitglied von Refugio erzählen von den Forschungsarbeiten über Traumatisierung, wie z.B. des deutsch-niederländischen Psychiaters Dr. Keilson, der überlebende Kinder des Holocaust untersuchte und von den von den Anfängen der Traumatherapie und der Gründung der Behandlungszentren. So erfahren wir, dass bundesweit mit München und Berlin nur noch weitere zwei Behandlungszentren in München und Berlin existieren. 

1990 gegründet, behandelt Refugio aktuell ca. 250 traumatisierte Flüchtlinge und Folterüberlebende aus 30 Ländern jährlich. Das Angebot von Refugio umfasst:

Erstgespräche, die die Indikation einer Behandlung der PatientInnen im Zentrum klärt, verbunden mit einer evtl. Überweisung zu medizinischer/fachspezifischer bzw. Psychotherapeutischer Diagnostik und Behandlung

  • Physiotherapie und Kunsttherapie
  • Psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung
  • Spezifische Traumatherapie unter Einbeziehung von DolmetscherInnen
  • Fortbildungen zu Psychotraumatologie für DolmetscherInnen und PsychotherapeutInnen

Wie finanziert sich das Zentrum?
Die Angebote von Refugio sind für die PatientInnen unentgeltlich. Das Behandlungszentrum bietet TherapeutInnen Fortbildungen an, ein geringer Teil der Einnahmen stammt aus den geleisteten Beiträgen.

Refugio finanziert sich durch Fördermittel der Stadt Bremen, der Bremischen Evangelischen Kirche, der UNO-Flüchtlingshilfe, des UNHCR-Fond für Folteropfer, der Europäischen Union und des Europäischen Flüchtlingsfonds. Diese Mittel reichen jedoch nicht aus, Refugio ist auf Spenden angewiesen. Der Förderkreis Refugio unterstützt die Arbeit des Behandlungszentrums ideell und finanziell.

Weitere Fragen über Mitgliedschaft und Fördermöglichkeiten konnten anschliessend im informellen Teil des Abends  inmitten eines internationalen Büffets geklärt werden. Uns erwarteten Spezialitäten aus Tschetschenien, Daghistan, Armenien und dem Nahen Osten. Aus diesen Ländern stammen auch PatientInnen die bei Refugio einen Schutzraum für ihre Seele finden. Wir kennen das selbst aus unserer eigenen Erfahrung als Patient in der Arztpraxis: zur Genesung bedarf es geschützter Räume, die ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und Patient ermöglichen. 

von Alice Kanterian

Informationsmaterial und Infos zu dem Förderkreis erhalten Sie unter folgender Adresse:
Kontakt:
Refugio Bremen e. V.
Parkstraße 2-4
28209 Bremen

Tel.: 0421-376 07 49
Fax 0421-376 07 22
E-Mail: 
refugio-bremen@t-online.de
www.refugio-bremen.de

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